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Summe
Körper
Die Lektüre und die Liebe
gehören zur Chemie, die Abkürzungswege, über die man zu einem Autor
kommt, sind unendlich viele. Nicht einmal der Spott der Werbung oder die
Popularität garantieren dem Leser diese Begegnung. Der Leser wählt den
Autor, der seinerseits Leser wählt, von daher stammt diese Chemie.
Diese Forderung kann eine Dosis an Leidenschaft, an Intelligenz,
Therapie, Komplizität enthalten oder kann sich nach einer Wanderung zum
Wald ergeben. Das, was hier zählt, ist das Dauerhafte, die Freundschaft,
die diese Begegnung Autor – Leser hervorbringt.
Der Leser leiht seine Existenz dem Geschriebenen, damit es andauert.
Es ist, will man glücklich sein, nicht erforderlich, bestimmte Autoren
zu lesen, doch kann man, wenn man sie nicht liest, weniger glücklich
sein.
Die Platoniker stellten den Körper wie eine Aufgabe der Vernichtung dar,
die mit der Geburt beginnt und aufhört mit dem Abgrund, der durch den
Tod gegeben ist. Harold Alvaro Tenorio, der auf das platonische Los
nicht hört, nennt seine letzte Gedichtsammlung Summe des Körpers. Mit
diesem Titel feiert der Dichter das Gelebte und alles, was zum
Hintergrund gehört. Der Dichter sagt:“ Genieße wie niemals zuvor die
erbärmlichen Kleinigkeiten, welche das üble Leben, der Missbrauch und
die Exzesse mit dem Alkohol bieten/. Ohne Sinn für Schuld leben, die
Unschuld in jedem Akte verlieren, um nicht dem Leben gegenüber nein zu
sagen.
Ebenso wie Aggression auf die Formen des Engels von Hector Rojas Harazo
und Tagebuch des hohen heiligen Johannes und des Atrato von Eduardo Cote
Lamus kann man Summe des Körpers von Harold Alvarado Tenorio auch als
ein Reisebuch lesen, als /eine Reise ins Innere, jenseits der Haut und
ihrer Erinnerung, verstehen /die Tage verliefen wie eine Strafe, die ich
in der Nacht bezahlen musste.
Die Welt befindet sich in den Augen des Dichters, in denen sie sich
einmal darstellt als großer Mangel:/ nach Jahren des Exils – ohne
Papiere - / ein baskisches Paar wünschte an der Grenze zu sterben/ und
ein anderes Mal als Absicht:/ Nach neun Monden/ kehrt die Erinnerung an
Dich zurück/Dein Bild kommt mich besuchen/.
William Blake forderte die Dichter dazu auf, für sich die Tore der
Himmel über sich zu schließen und sich in die Höhen der Himmel unter
sich zu begeben, den Sturzflug ohne Rückkehr zu vollziehen in Richtung
der Dunkelheit, denn dort würden sie das Licht finden. Die Stimme des
Körpers ist innerhalb der Dichtung von Harold Alvarado Tenorio dieser
Flug, den jener Dichter fordert. Verschwitzte Körper, die nach Knoblauch
von persischen Märkten riechen, Untergrundbahnstationen in Berlin,
alexandrinische Häuserfassaden, die vom Urin der Hunde und der Menschen
zerfressen sind, erfrischende Arzneitränke aus grünem Tee, der von
Frauen aus Wasser angeboten wird; doch der Dichter klagt über sein Land,
er beklagt sich über seine Ohnmacht, die Dinge zu ändern und vertraut
dem Stein an:
Nimm den Regierenden des Landes den Sinn
Berlin/Deutschland 11/14/2002
Von: Jaime de la Gracia |